Leipziger Tierärztekongress
Berichte vom 6.Leipziger Tierärztekongress hinsichtlich der
brachyzephalen Hunde, wie Mops, Französische Bulldogge und Englische
Bulldogge (Bulldog).
(Zusammengestellt von Christoph Jung - bitte
zur Vertiefung die Original-Manuskripte nachlesen, abgedruckt in den Leipziger
Blauen Heften 2012* - hier ohne Gewähr).
Tierschutzrecht
soll wirksamer gegen Qualzucht werden
Dr. Katharina Kluge vom
Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
stellte Passagen aus dem Gesetz-Entwurf der Bundesregierung vor, der die
Qualzuchtbestimmungen des Tierschutzgesetzes (§11) ausdrücklich
praxisrelevanter machen soll. Es soll in Zukunft viel leichter sein, etwa
Qualzucht verdächtige Hunde und Katzen von Ausstellungen
auszuschließen. Explizit will der Gesetzgeber in Zukunft schweratmende
und übertypisierte Möpse und Bulldoggen aus dem Verkehr ziehen. Es
soll auch viel leichter werden, Züchter aber auch Halter (z.B. bei
Ausstellungen) übertypisierter Möpse und Bulldoggen zivil- und
strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen. Das gelte ausdrücklich auch
für im Ausland gezüchtete Hunde.
Brachyzephale Hunde
neigen zu deformierten Ohren
In einem Vortrag berichtet die
Tierärztin Riccarda Schünemann, dass brachyzephale Hunde stärker
zu deformierten äußeren Ohrgängen, Trommelfellen etc. neigen.
Klinische Befunde zeigen gehäuft Hunde mit entzündlichen und
infektiösen Ergüssen teils extrem zäher Konsistenz. Nicht selten
seien Hunde bereits schwerhörig geworden, ohne dass es Halter oder
Tierarzt aufgefallen sei. (Anmerkg.: Es gibt zudem Hinweise auf ein
allergisches Geschehen, das hier involviert sein kann.)
Narkose:
Aufwachphase am meisten kritisch
Moderne Kliniken mit Erfahrung und
modernsten Intubationsgerät etc. haben heute kaum noch Probleme bei der
Narkose brachyzephaler Hunde. Allerdings gilt dies nicht immer für die
Aufwachphase, die gerade durch deformierte Atemwege und meist vorhandener
BS-Problematiken kritisch sein kann, auch noch Stunden nach der eigentlichen
OP, so berichtet es Prof.Dr. Michaele Alef.
Extreme Plattnase
deformiert auch die Augen
Insbesondere der ganze Komplex der
Muskulatur um die Augen, Nickhaut und die Augenlieder (Entropium/Ektropium)
sind durch die Fehlentwicklung der Zucht u.a. bei den Bulldoggen und
Möpsen geschädigt. Tierarzt Dr. Uwe Gränitz stellt die Probleme
vor wie auch Ansätze zur Therapie - was allerdings nicht immer
möglich ist!
Brachyzephales Syndrom ist ein komplexes
Geschehen
Das Brachyzephale Syndrom ist ein komplexes Geschehen, das
nicht nur den gesamten Atemapparat von der Nasenspitze bis zur Lunge, vielmehr
auch viele andere vitale Funktionen schädigt (Thermoregulation, Augen,
Ohren, Fressen/Schlucken, Gebiss, ja sogar das Gehirn selbst ...). Um wirksam
einzugreifen bedarf es viel mehr als nur mal eben "Gaumensegel kürzen" und
Vergrößerung der Nasenöffnungen.
Brachyzephale Hunde
- mehr Leid als man denkt: Ergebnisse einer Tierhalterbefragung
Die
Uni Leipzig hat begonnen, systematische Tierhalterbefragungen
durchzuführen. Erste Ergebnisse wurden vorgestellt von 62 Hunden. In
meinen Augen ein Bild des - leider realen - Grauens, ein Dokument der
Tierquälerei durch verantwortungslose "Züchter" (und zuweilen auch
Halter): 73% der Hunde haben Probleme mit dem Schlafen, 13% haben gar
Erstickungsanfälle beim Schlafen, 29% schlafen im Sitzen und 8% der Tiere
schlafen sogar kaum bis gar nicht, da sie sofort Atemnot bekommen. ...
"Wenn Menschen Tiere verformen - Ein Ruf nach mehr
Qualitätskontrolle in der Hundezucht."
"Wird durch
überzogene und falsche Zuchtauslese die Kurzköpfigkeit
übertrieben, entsteht eine extreme Form der Brachyzephalie. Extreme
Brachyzephalie ist eine menschengemachte Erbkrankheit, die zu schweren und
lebenslang anhaltenden gesundheitlichen Schäden führt." *
Brachyzephales Syndrom (BS)
"Diese gezielte Umformung
des Hundeschädels hat zu Deformationen an allen oberen Atemwegen, dem
Gebiss, dem Mittelohr, den Augen und des Gehirns geführt. Die
Veränderungen werden unter dem Begriff Brachyzephales Syndrom (BS)
zusammengefasst. Als charakteristische Befunde gelten verengte Nasenlöcher
und Nasenhöhlen, ein verlängertes und verdicktes Gaumensegel sowie
Veränderungen an Kehlkopf und Luftröhre. Neuere Untersuchungen
beschreiben, dass die extreme Verkleinerung der Nasenhöhle unter anderem
zur Ausbildung fehlgestalteter Nasenmuscheln geführt hat, diese wachsen in
die üblicherweise freien Atemwege hinein und verstopfen sie. Diese
Merkmale können einzeln oder in Kombination auftreten und
beeinträchtigen die Atmungsfunktion, was zu unterschiedlich lauter,
schnarchender Atmung und in schweren Fällen zu hochgradiger Atemnot,
Zyanose und auch Kollaps führen kann. Sommerliche Temperaturen
verschlimmern die Symptome und führen nicht selten zu fatalen
Erstickungsanfällen. Betroffen sind hauptsächlich der Mops,
französische und englische Bulldoggen; daneben ..."*
"Fast
alle Züchter, viele Besitzer und zu viele Tierärzte verharmlosen die
schnarchende Atmung." *
Thermoregulation
"Die
Beschwerden kurznasiger Hunde können bei warmen Umgebungstemperaturen
dramatisch zunehmen und sogar lebensbedrohlich werden. Auch hierfür ist
die tatsächliche Ursache zu wenig bekannt. Es ist nicht primär eine
unzureichende Belüftung der Lunge und damit eine Störung des
Gasaustauschs, sondern die unzureichende Nasenatmung dieser Tiere. Im
großen Gegensatz zum Menschen, braucht der Hund für die Regulation
seines Wärmehaushalts unverzichtbar eine "funktionierende" Nase."*
Fehlleistungen eines fehlgeleiteten Systems der Zucht
"Leider ist es durch falsche Zuchtauslese noch zu weiteren angeborenen
Fehlentwicklungen gekommen."*
"Auch sogenannte
"Belastungstests", bei denen der Hund zehn Minuten spazieren gehen muss,
sind ganz sicher ungeeignet, die Zuchttauglichkeit zu gewährleisten,
geschweige denn die fatalen Fehler der vergangenen Jahrzehnte zu korrigieren.
Der Test wurde wissenschaftlich untersucht."*
"Völlig widersinnige
Überbetonung äußerer Merkmale wurde und wird noch immer von
vielen Richtern belohnt und so die Ausrichtung der Zucht stark beeinflusst.
Beispielsweise hat noch heute ein Mops oder eine Bulldogge "mit sichtbarer
Nase" bei einer Schönheitsschau kaum eine Aussicht, zu gewinnen."
*
alle Zitate* dieses Blogs aus dem Eröffnungsvortrag des
Tierärztekongresses von Professor Dr. Gerhard Oechtering, Direktor der
Klinik für Kleintiere, Universität Leipzig
Brachyzephalie und deren genetische Signatur
"Für die Schnauzenlänge beim Hund wurde über eine Reihe
von brachyzephalen Hunderassen eine Selektionssignatur in der Größe
von 2,4 Mb auf Chromosom 1 ermittelt. Die für Brachyzephalie
verantwortlichen Mutationen liegen in diesem Bereich und verursachen eine
Selektionssignatur in der Größe von 0,5 Mb für die Rassen
Boxer, Englische und Französische Bulldogge, Boston Terrier, Pekingese
u.a. Die für Brachyzephalie kausale Mutation wurde noch nicht gefunden.
Auch ist es noch nicht klar, welche Mutationen die rostral und kaudal
aberranten Conchen bei brachyzephalen Hunderassen wie Mopsen,
Französischen und Englischen Bulldoggen verursachen.
Eine
Selektion auf eine veränderte Gesichtsmorphologie scheint bei den
brachyzephalen Rassen möglich zu sein. Dies kann bereits jetzt durch
Beachtung einer größeren Heterozygotie von Markern im Bereich der
Selektionssignatur für Brachyzephalie unterstützt werden. Weitere
Untersuchungen sollen die Ursachen für das brachyzephale Atemnotsyndrom
(BAS) aufklären. Die Tierärzte können dieses Projekt über
die Einsendung von EDTA-Blutproben von BAS-betroffenen und BAS-freien
brachyzephalen Hunden unterstützen."*
Prof. Dr. Ottmar Distl,
Institut für Tierzucht und Vererbungsforschung, Stiftung
Tierärztliche Hochschule Hannover
* alle Zitate aus "Leipziger Blaue Hefte"
2012, Bd1
(Zusammenstellung Christoph Jung)