2011 - Ein Jahr der Hoffung für den Bulldog
Ein
Beitrag von Christoph Jung
Der Bulldog, früher ein
äußerst robuster und unbezwingbarer Kämpfer, kam in den letzten
40 Jahren zu zweifelhaften Ehren. Er wurde zum Symbol der Fehlentwicklungen in
der Hundezucht, zum überall in den Medien verwendeten Fanal der
Qualzucht.
Leider nicht ohne Grund. Es ist eine verheerende Bilanz
der Ignoranz gegenüber dem Wohl dieser so charaktervollen, dem Menschen
zugewandten Hunde, was die breite Mehrheit der Züchterschaft, der
Show-Richter, der Funktionäre und (Amts-)Veterinäre und leider auch
der Halter da über lange Jahre vollbracht haben. Unter dem Deckmantel der
"Liebe zum Bulldog" und des "Tierschutzes" wurde eine bisher nie gekannte
Deformierung der Lebensfunktionen eines Tieres bewerkstelligt - allein durch
den Menschen gemacht und zwar bewusst und wider besseren Wissens.
Es
ist ein Tierschutz-Skandal, dass dieses Treiben solange stattfinden konnte.
Zwischen 2009 und 2011 sollte sich das nun grundlegend ändern -
ENDLICH! Unter
anderem als Betreiber dieser Webseite habe ich immer Partei für den
Bulldog ergriffen, den Finger in solche Wunden gelegt und eine Wende
eingefordert. Dass man hierfür nicht immer gut gelitten ist, liegt nahe.
Die Wende wurde greifbar, als 2009 der britische Kennel Club den Entwurf
für einen neuen, auf das Wohl und die Gesundheit des Bulldogs
orientierten, Standard vorlegte. Die internationale Züchterschaft
organisierte sogleich den lauthalsen Widerstand dagegen, die Führung des
damaligen VDH-Clubs bis zu ihrem schmählichen Ende ebenso und die
unseelige Bande der Vermehrer und Hundehändler vereinigte sich mit diesen
umgehend.
Schon seit Jahren hatte ich jedes Jahr ein Schreiben an den
Präsidenten des VDH geschickt, das neben einer Dokumentation der
Fehlentwicklungen in Zucht und Show-Wesen auch Forderungen für eine Wende
(nicht nur) in der Bulldog-Zucht enthält. So auch im Herbst 2010. Prof.
Dr. Peter Friedrich sollte der erste VDH-Präsident sein, der mir
antwortete. Er versicherte, dass er gleichwohl für eine Wende sei und
fragte mich, ob ich ihn diesbezüglich unterstützen wolle. Das war
die Antwort, auf die ich jahrelang gewartet hatte.
Einige Monate
vorher war Gisela Rau, die Geschäftsführerin des
Kynos-Verlages, auf mich zugekommen und hatte mich gefragt, ob ich ein Buch zum
Bulldog schreiben wolle. Ich wies sie darauf hin, dass sie von mir keinen
kritiklosen Werbeprospekt für die Vermarktung der Ware Bulldog erwarten
könne; sie kannte meinen Standpunkt bereits.
Auch im VDH-Verein
erstarkte derjenige Teil der Züchterschaft, der nicht mehr so weitermachen
wollte wie bisher. Ralf Treiber hatte den Mut und veröffentlichte
auf Bulldogge.de den Entwurf eines Gesundzuchtprogramms für den Bulldog.
Schließlich wurde im Oktober 2010 der neue Standard
für den Bulldog offiziell von der FCI verabschiedet.
Im Herbst
2010 waren also alle Weichen für die Wende gestellt.
Diese
Wende musste dann aber ohne den damaligen VDH-Club ACEB in der Praxis vollzogen
werden. Nach 1976 wurde der Bulldog-Zuchtverein zum zweiten Mal in der
Geschichte aus dem VDH ausgeschlossen. Ein trauriger Rekord.
VDH-Präsident Prof. Friedrich hielt sein Wort.
Zusammen mit Hauptgeschäftsführer Bernhard Meyer und meiner Person
wurde im Juli 2011 ein konstruktives Programm für eine grundlegende Wende
in der Zucht des Bulldogs ausgearbeitet. Die VDH-Führung
übernahm die unmittelbare Verantwortung für die künftige
FCI-Zucht des Bulldogs in Deutschland. Im November 2011 wurde dann zum
ersten Mal direkt vom VDH eine Zuchttauglichkeitsprüfung abgenommen. Die
heute gültigen Regularien bilden eine solide Basis für eine gesunde
Zucht des Bulldogs und finden meine volle Unterstützung, wenn auch mit
Einschränkungen. Gerne hätte ich gesehen, wenn es wirklich zu einem
umfassenden Gesundzuchtprogramm gekommen wäre, das wesentlich gezielter
auf die konkreten Verhältnisse beim Bulldog und international orientiert
hätte ausgerichtet sein müssen. Auch bedarf es der engsten
Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Vereinen und Züchtern über Grenzen
hinweg. Nachvollziehen kann ich auch, wenn einzelne Züchterinnen und
Züchter, die über Jahre hinweg bereits gegen den Strom und für
einen gesunden Bulldog gekämpft hatten, ein wenig enttäsucht sind, ob
der Art des Umgangs mit ihnen. Früher fanden sie keine Unterstützung
beim VDH und heute war zuweilen ihre fundierte Erfahrung nicht wirklich
gefragt. Das und noch einiges mehr hätte man besser machen können.
Doch per Saldo bleibt, dass eine grundlegende Wende gelungen ist -
zum Wohle dieser wundervollen Hunde.
Es ist eine Wende in letzter
Minute. Es wird sich noch in der Praxis herausstellen müssen, ob es
tatsächlich gelingt, eine ausreichend große Zuchtbasis zur
nachhaltigen Gesundung dieser ersten Hunderasse der modernen Rassehundezucht zu
schaffen.
Diese Wende ist alternativlos.
Außerhalb des VDHs gibt es zwar vereinzelte Züchter, die
sich hoher Zuchtstandards zum Wohle des Bulldogs verpflichtet sehen, doch die
breite Masse sieht sich nur ihrem persönlichen Profit rücksichtslos
auf Kosten der Hunde verpflichtet. Leider gibt es keinen beim Engländer
relevanten Verein, der sich - über warme Worte hinaus - wirklich belastbar
und kontrollierbar der Zucht eines gesunden Bulldogs verschrieben hat.
Vermehrer und Hundehändler decken demgegenüber schätzungsweise
80-90% des Welpenmarktes ab.
Die Wende für den Bulldog braucht
eine Wende im Denken der Bulldog-Freunde!
Um die vom Kennel Club
und nun auch vom VDH eingeleitete Wende erfolgreich werden zu lassen, bedarf es
zugleich eines grundlegenden Umdenkens der Bulldog-Halter. Es bedarf einer
konsequenten Abwendung von Anbietern, die auch nur den Anschein unseriösen
Zuchtgebahrens haben. Es bedarf einer Abwendung von dem unsäglichen Stil
des Tratschens (der letztlich ausschließlich auf Kosten der Hunde
ausgetragen wird), von dem Weggucken, hin zu einer konstruktiven, wirklich auf
das Wohl der Bulldogs orientierten Streitkultur.
Liebe Bulldog-Freunde,
achtet bitte darauf, dass ihr euren Welpen nur bei einem seriösen
Züchter (oder im Tierheim oder als Nothund) kauft, der wirklich hohe
Zuchtstandards nachweisen kann!
Tut es zum Wohle eures eigenen lieben
Begleiters, tut es zum Wohle der so oft geschundenen Bulldog-Mütter!
Und wen das nicht überzeugt, solle es letztlich allein ganz egoistisch
im Interesse des eigenen Geldbeutels tun. Denn der krank gezüchtete
Bulldog ist immer der teuerste, selbst wenn man ihn für 500,- bei
www.deine-tierwelt.de erstanden und sich frei Haus hat anliefern lassen.
Bei allem, was noch hätte besser sein können:
2011 war
ein Jahr der neuen Hoffnung für den Bulldog!
2012 muss der neue Weg
beharrlich weiter beschritten werden!
In diesem Sinne möchte
ich mich bei den Züchterinnen und Züchtern sowie den vielen
Bulldog-Freunden bedanken, die aktiv diese Wende mit befördert haben und
das oft nicht erst seit gestern.
Ich möchte mich
ebenfalls bei Prof. Peter Friedrich und Bernhard Meyer für ihr Engagement
für den Bulldog bedanken.
Ich möchte mich bei
Gisela Rau vom Kynos-Verlag bedanken, die den Mut, ein
kritisches Buch zum Zuchtgeschehen um den Bulldog herauszubringen, schon zu
einem Zeitpunkt hatte, als noch keineswegs klar war, welchen Weg der VDH gehen
werde.
Ich möchte mich ganz besonders bei Dr. Hellmuth Wachtel,
dem großen Kynologen unserer Zeit, bedanken, der mir immer ein
unersetzlicher Ratgeber ist und ihm (und uns)
für sein neues Buch, das 2012 erscheinen wird, viel
Erfolg wünschen.
Ich bedanke mich bei den inzwischen
5.000 Unterzeichnerinnen
und Unterzeichnern des Dortmunder Appells, die maßgeblich dazu
beitragen, den nötigen Druck in der Öffentlichkeit für eine
Wende in der Hundezucht aufzubauen.
2011 sind erste, winzige Erfolge
zu verzeichnen. Der größte Teil des Weges liegt noch vor uns. Es
liegt alleine an uns, ihn weiter zu beschreiten. Die Hunde brauchen ihn und
haben unser Engagement allemal verdient!
Christoph Jung